Das Motiv der Peregrinatio Vitae
in Hausinschriften - Leben als Pilgerschaft:
(S. 76-80, leicht verändert, Text ohne Fußnoten
und Literaturangaben)
Was du tust, tue klug und bedenke das Ende.
Das ist die deutsche Version des lateinischen Spruches Quidquid agis,
prudenter agas et respice finem. Dieser lateinische Weisheitsspruch
aus dem Mittelalter wurde schon von Hans Sachs als "die höchste
Weisheit" erkannt, die er 1557 einprägsam so formulierte:
Mensch , was du tust, bedenk' das End,
Das wird die höchste Weisheit genennt.
Bei Hans Sachs ist auch zu lesen, dass diese 'höchste Weisheit' ein
Philosoph aus Athen für tausend Goldstücke dem Kaiser Domitianus
in Rom verkauft habe. In einer anderen Erzählung heißt es,
der Tyrann Dionysius habe einst einen Philosophen unter Kaufleuten sitzen
sehen und ihn gefragt, was er denn zu verkaufen habe. Dieser habe geantwortet
"Weisheit" und 400 Gulden als Preis dafür bestimmt. Dionysius
habe den Preis bezahlt und der Philosoph habe ihm daraufhin den obigen
Weisheitsspruch gesagt.
Doch schon der griechische Fabeldichter Äsop im 6. Jahrhundert v.
Chr. wusste: Klugen Leuten ziemt es, zuächst das Ende eines Unternehmens
ins Auge zu fassen und es erst dann also ins Werk zu setzen. Das klingt
sehr nach dem bekannten lateinischen Ausspruch "Quidquid agis",
als dessen Urheber lange Zeit Äsop galt.
Neben dem geflügeltem Wort "carpe diem" (Horaz) - nutze,
genieße den Tag - ist der eben erwähnte Spruch eine der
hierzulande am häufigsten zitierten lateinischen Redewendungen. Allerdings
ist Quidquid agis ein umgewandelter Bibelspruch (Sirach 7,36 [7,40]).
In einer sehr textnahen Übersetzung ist dieser so wiedergegeben:
"Bei all deinen Werken denk an deine letzten Dinge,und du wirst in
Ewigkeit nicht sündigen." In der revidierten Lutherbibel von
1975: "Was du auch tust, so bedenke dein Ende,
dann wirst du nie etwas Böses tun." [Sirach 7,40]
Der Bibelvers ruft unüberhörbar das mahnende Memento mori
in Erinnerung, das in dem finem (= "das Ende") des lateinischen
Weisheitsspruches nur unterschwellig mitklingt. Eine schon 90-jährige,
lebensfrohe, gläubige Frau, die von ihrer Schulzeit her die
zwei lateinischen Sprüche noch kannte, formte, des nahen Todes sich
stets bewusst, daraus einen neuen, der ihr zum Tagesmotto wurde: Carpe
diem et respice finem!
Dies Haus ist mein und doch nicht mein.
Der nach mir kommt, kann's auch nur leihn.
Und wird's dem Dritten übergeben,
er kann's nur haben für sein Leben.
Den Vierten trägt man auch hinaus.
Sag: Wem gehört denn nun dies Haus?
Eine melancholisch gestimmte Spruchinschrift, ein Spruch
von düsterem Grau der Vergänglichkeit? (...) Es ist eine Inschrift,
die von der Vergänglichkeit des Menschen handelt, befremdlich in
einer Zeit, in der der Tod vor allem als das Ende des Lebens erlebt wird;
es ist eine Inschrift, die den Betrachter zum Nachdenken, zum Nachdenken
über sich und seinen Lebensweg anregt, ja zwingt. Wer sich in heutiger
Zeit für eine solche Spruchinschrift entscheidet und für alle
sichtbar dazu bekennt, hat gewiss mit großem Ernst über das
Leben nachgedacht, hat sich mit der Vergänglichkeit des Menschen
und seinem unausweichlichen Tod auseinandergesetzt. Er weiß, dass
er nur 'Pilger und Gast' - peregrinus et hospes - auf Erden ist.
In zweizeiliger Form erscheint der Hausspruch Das Haus ist mein bereits
1715 in Weißenburg im Elsass; sein Ursprung ist wohl im Orient zu
suchen. In einer Inschrift aus dem Jahre 1924 in Westerbakum lautet er:
Das Haus ist mein und doch nicht mein,
als Pilger geh ich aus und ein.
Mein Nachfahr wird auch Pilger sein.
Der Mensch hat seit jeher sein Leben als Pilgerschaft - als "Peregrinatio
vitae" -, als ein Unterwegssein zur eigentlichen Heimat gesehen.
Diese alte und allgemeine Vorstellung hat Heinrich von Laufenberg (um
1390 - 1460) in seinem ergreifenden Lied
Ich wölt, das ich doheime wer so ausgedrückt:
Woluf, min herz und all min muot,
Und suoch das guot ob allem guot!
Du hast doch hie kein bliben nüt,
Es si morn oder es si hüt.
Einer der inhaltlich wohl schönsten Haussprüche zur Peregrinatio
vitae befindet sich in Holthausen (Steinfeld). Er stammt aus dem Jahre
1804 und nennt das Ziel des Suchens, die wirkliche Bleibe:
Dies Haus ist mein und doch nicht mein
Nach mir kommt wieder ein anderer Hinein
Ist nicht sein und auch nicht mein
Im Himmel soll unsere Wohnung sein
Wohl zu keinem Thema hat die Hausinschriftendichtung so schöne Sprüche
hervorgebracht wie zu dem der Peregrinatio. Ein besonders schöner
- bereits von Grimmelshausen im Simplizissimus aufgezeichnet und vielfach
variiert - lautet:
Wir bauen alle feste
Und sind nur fremde Gäste
Doch wo wir sollten ewig sein
Da bauen wir gar wenig ein.
Der Einfluss von Psalm 119,19 (Ich bin ein Gast/Fremdling auf Erden)
ist nicht zu übersehen, doch geht er (...) letztlich auf den Vorsokratiker
Empedokles (ca. 490 - 430 v. Chr.) zurück, der von seinen Landsleuten
sagte: Die Arigentiner schwelgen, als ob sie morgen sterben sollten,
und bauen sich Häuser, als ob sie allzeit leben sollten.
In einer niederdeutschen Spruchsammlung ist der Spruch schon um 1400 in
folgender Form anzutreffen:
Wy sint hyr vromde geste
Unde tymmeren grote veste;
My heft wunder, dat wi nicht muren;
Dar wi ewich moten duren:
In Südoldenburg gibt es viele Varianten des Hausspruchs "Wir
bauen alle feste", darunter diese aus dem Jahre 1824 in Stukenborg
(Vechta):
Wir Menschen bauen Häuser hier auf Erden
Die wir bald verlassen werden.
Ach wie wenig sehn wir ein
Wo wir müssen ewig sein.
Ludwig Averdam, an dessen Elternhaus diese Inschrift stand, betrachtete
sie "wegen ihrer tiefen Wahrheit und schönen Fassung" als
eine der schönsten.
Nach dem Verständnis der Bibel ist das Leben des Menschen eine fortwährende
Pilgerschaft, eine Wanderschaft zu seiner wirklichen Heimat. Ein in Südoldenburg
recht häufig vorkommender Hauspruch lautet darum:
Das Haus, das du dir bauest,
Sei dir nur wie ein Zelt.
Drum Wandrer, der du's schauest,
Bedenke, daß die Welt,
Wo du zur Vorbereitung bist,
Nur eine Wanderstätte ist.
Diesem Hausspruch liegen wesentlich der 2. Korintherbrief und der Hebräerbrief
zugrunde. Im 2. Brief an die Korinther vergleicht Paulus die irdische
Existenz des Menschen mit dem Leben in einem Zelt, das abgebrochen und
verlassen werden muss, um dafür "ein ewiges Haus, im Himmel,
das nicht von Menschenhand erbaut ist", zu erhalten (2. Kor 5,1 ff.).
Im 11. Kapitel des Hebräerbriefes wird die Auffassung des Lebens
als Pilgerschaft zu Gott entfaltet. Abraham und Sara sind sozusagen die
Urpilger, sie sind Vorbild für alle Gläubigen, die sich - als
Nachkommen Abrahams - als "Pilger und Fremde auf dieser Erde"
auf der Wanderschaft zur Heimat befinden (Hebr 11,13-16). Diese Heimkehr,
so sehr sie auch ersehnt wird, ist immer eine ernste Angelegenheit, denn
"alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit
jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das
er im irdischen Leben getan hat" (2. Kor 5,10). Dies weiß der
Christ, er hofft aber - gleich dem "verlorenen Sohn", der aus
der Fremde heimkehrt, - von einem barmherzigen und liebenden Vater empfangen
zu werden (Lk 15,11-32).
Das Thema des "Nur-Gast-Seins" auf Erden findet sich auch in
vielen Kirchenliedern, so z. B. bei Paul Gerhardt (1666): Ich bin ein
Gast auf Erden und hab hier keinen Stand; der Himmel soll mir werden,
da ist mein Vaterland, bei Johann Friedrich Löwe 1753: Wir
sind nur Pilger in der Zeit Und wallen nach der Ewigkeit oder etwa
bei Michael Hahn (1758-1819): Ich bin ein Fremdling auf Erden; Der
Himmel ist mein Vaterland.
Mit einer Brücke, die er als Pilger frohbereit betritt, vergleicht
Joseph v. Eichendorff diese Welt in seinem Morgengebet:
Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
Will ich, ein Pilger, frohbereit
Betreten nur wie eine Brücke
Zu dir, Herr, übern Strom der Zeit..
In kaum zu übertreffender Weise jedoch hat Georg Thurmair 1936 das
Bewusstsein der "Peregrinatio vitae" in wenigen Worten ausgedrückt:
Wir sind nur Gast auf Erden
und wandern ohne Ruh
mit mancherlei Beschwerden
der ewigen Heimat zu.
Wie die bisherigen Ausführungen gezeigt haben, ist die "Peregrinatio
vitae" eng vebunden mit Sterben und Tod. Dies zeigt auch folgende
Inschrift in Vestrup (Bakum):
Du müder Wandrer komm herein
Erholung kann dich erfreun.
Dann setze neugestärkt und weise
nur muthig fort die Pilgerreise;
und (mit) jedem Schritte gehest du
der Ruhe in dem Grabe zu!
In den Hausinschriften Südoldenburgs kommen im 18. und 19. Jahrhundert
Sterben, Tod und Grab direkt bzw. in Umschreibungen wie "nach dem
letzten Lebensjahr", "nach dieser Lebenszeit", "letzter
Tag" u.a.m. wiederholt vor. Sterben und Tod sind kein Tabu in den
Inschriften, jedoch wird in der Regel nicht von dem Bedrohlichen des Todes
gesprochen. Vielmehr wird um den Beistand Gottes beim Sterben, um ein
seliges bzw. gottseliges Sterben und um einen guten Tod gebeten.
Eine alte Inschrift (um 1777) in der Schweiz dürfte die innere Einstellung
der damaligen Menschen zu Sterben und Tod recht zutreffend wiedergeben:
Noch leb ich, ach! wer weiß wie lange!
Vielleicht ist dieser Tag nicht mein
Das Sterben macht den Menschen bange,
Doch soll es mir nicht schrecklich seyn!
Der Tod eröffnet mir die Bahn,
daß ich in den Himmel kommen kan!
Ein christliches Leben und eine gute Sterbestunde werden als wichtige
Voraussetzungen angesehen, um "ins ewige selige Vaterland" zu
gelangen. Um beides wird in Inschriften gebeten:
Gott hilf uns erwerben,
christlich zu leben und selig zu sterben.
Als bedrohlich und schlimm wird der plötzliche, der unerwartete,
Tod empfunden. So wird auch in Hausinschriften um Bewahrung vor dem bösen,
schnellen, dem jähen Tod gebeten. Wie schlimm man einen Tod ohne
Vorbereitung und ohne den Empfang der Sterbesakramente - (General-) Beichte,
Kommunion (Wegzehrung) und Krankensalbung (Letzte Ölung) - empfand,
mag folgende Inschrift zeigen:
Der Herr bewahre uns und dieses Haus
vor Feuer und vor Wassernot
und vor den schnellen bösen Tod.
In einer anderen Inschrift heißt es:
Behüt uns Herr für Feuersnoth
für Pest und den bösen schnellen Todt.
Ein jäher Tod ist so schlimm wie die Pest, ja schlimmer noch, befürchtet
man doch, vor dem Gericht Gottes unvorbereitet nicht bestehen zu können.
Eine Hausinschrift wie diese:
O Mensch Daß Jüngst Gericht Betracht
Den Tod Zu Gleich nim Auch in Acht
Des Himels Freud Und Herlichkeit
der Höllen Qual in Ewigkeit
kommt zwar in Südoldenburg nicht vor, doch spiegelt sich in ihr die
religiöse Grundhaltung jener Zeit wieder, in der die Vorbereitung
auf den Tod ein wichtiger Bestandteil des Lebens war. Daher heißt
es in Hausinschriften:
Christlich gelebt und selig gestorben
ist genug auf Erden erworben.
Inschriften, in denen der Tote zu den Lebenden spricht, kommen anscheinend
an Häusern nicht vor, häufig aber auf Friedhöfen. Dazu
schreibt Panzer: "Hier begegnet besonders gerne der Spruch der Toten
an die Lebenden, der seine Vorläufer in der Antike hat, in Mittelalter
und Neuzeit durch ganz Europa von Spanien bis nach Rußland und selbst
in der arabischen Dichtung auftritt. Bei Freidank lautet er (22,16)":
Sus sprechent, die dâ sint begraben
Beide zen alten und zen knaben:
Daz ir dâ sît, daz wâren wir,
Daz wir nû sîn, daz werdet ir.
[sus = so; zen = zu den; sît = seid; sîn = sein]
Ein solches Memento mori aus dem 17. Jahrhundert befindet sich an der
Kapelle St. Anton (Kerns/Schweiz). Die Kapelle liegt an einer neueren
Variante des alten Jakobswegs von Stans nach Sachseln. Es fordert dort
pilgernde Menschen eindrucksvoll dazu auf, bei allem Tun sich "immerzu
des Todes gewärtig [zu] sein".
"Er
holt die Herren und die Knechte" - St. Anton-Kapelle Kerns/Schweiz:
Ein junger Mann in zeitgnössischer
Tracht (links), der personifizierte Tod mit den Attributen Stundenglas
(Sanduhr) und Hippe (Sense)
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Der
Spruch links der Türe heißt:
Ich war ein jungen frolicher man
han uf Erden vill freud ghan
Mitt willen dantzen und der glichen
Ich förcht der dot wird mich erschlichen
Er stat dort und wart uf mich
I der mich schon erdänk ist im glich
Ich hat vermeint noch lang zu leben
Dan noch gar nie gsinet zu sterben
Drum O mentsch ich gang us oder in
S dunck mich der dott wartet min
Drum denck O menstch w[as] du dust
Und alzu des dot warten musst
Ich war ein junger fröhlicher
Mann
Habe auf Erden viel Freuden gehabt
Wenn mir darum war zu tanzen und dergleichen
Ich fürchte der Tod wird mich erschleichen
Er steht dort und wartet auf mich
Was ich schon denke ist ihm gleich
Ich hatte gemeint noch lange zu leben
Dann noch gar nie daran gedacht zu sterben
Darum o Mensch geh ich aus und ein
Es dünkt mich der Tod wartet auf mich
Darum denke o Mensch was du tust
Und immerzu des Todes gewärtig sein musst
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Der
Spruch rechs der Türe heißt:
O Mentsch kum sich an mich
Du wirst glich werden wie ich
Ich war gar schön und froidenrich
Jetz sich min lib an zu glich
Mich hand vergässen kind und wib
Ach luog wie ist doch worden min lib
Wer ist der mich jetz kennen kann
Ob ich sig gsin ein wib old man
Gott sieht nach den Rächten
Er nimpt die Herren und die knechten
O Mensch komm sieh an mich
Du wirst gleich werden wie ich
Ich war schön und freudenreich
Jetzt sieh meinen Leib an zugleich
Mich haben vergessen Kind und Weib
Ach schau wie ist doch geworden mein Leib
Wer ist der mich jetzt kennen kann
Ob ich sei gewesen ein Weib oder Mann
Gott sieht nach dem Rechten
Er holt die Herren und die Knechte
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Hausinschrift mit rankendem Lebensbaum-Symbol (S. 74):
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